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Sprachliche Souveränität? (III)


Zuletzt aktualisiert: 22 Okt 2020

In einem ersten Leitartikel haben wir gezeigt, dass sprachliche Territorien im Allgemeinen nicht mit politischen Territorien übereinstimmen und dass die Beziehung zwischen Sprache und Politik eine komplexe ist. Zu sagen, dass die Ausstrahlung einer Sprache direkt mit der politischen Macht verbunden ist, trifft nur bis zu einem gewissen Grad zu.

In einem zweiten Leitartikel versuchten wir zu zeigen, dass das Sprachbewusstsein eine neue Idee ist, die eng mit der Kommunikationsgesellschaft verbunden ist, und dass es sinnlos ist, die Geschichte mit den Augen von heute neu zu betrachten. Dies ist ein wissenschaftlicher und überhaupt ein Fehler, der sehr weit verbreitet ist. Aber was richtig ist und letztlich so wenig praktiziert wird, ist, dass die Vergangenheit reich an Erfahrungen und Lehren bleibt, die wir versuchen müssen, objektiv und nicht durch einen rückblickenden und moralisierenden Blick zu erfassen. Zum Beispiel sind wir durchaus in der Lage, die Prozesse zu verstehen, die zum völligen Niedergang der meisten Regionalsprachen in Frankreich, und nicht nur in Frankreich, geführt haben. Es lässt sich also ohne weiteres feststellen, unter welchen Bedingungen vermieden werden kann, dass sich die gleichen Prozesse mit den lokalen und nationalen Sprachen in Afrika vollziehen. Es ist dies der Gegenstand eines kürzlich vom EFM1 veröffentlichten Buches.

Territorialisierung, Sprachbewusstsein, das sind also zwei wesentliche Dimensionen unseres Themas, der "sprachlichen Souveränität". Denn es ist deutlich geworden, dass wir individuell und kollektiv durch die Sprache existieren. Das Gegenteil zu behaupten ist kaum möglich. Wir sprechen von "der Sprache" im Singular, d.h. im eigentlichen Sinn des Begriffs. Aber nichts hindert uns daran, den Plural zu verwenden. Wir existieren also durch die Sprache oder durch die Sprachen, die wir sprechen. Durch die Sprache oder die Sprachen erhalten wir Zugang zur Kultur. Und das gilt für alle Menschen, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht.

Eine dritte wichtige Dimension muss angesprochen werden. Es sind die Verhältnisse zur Macht, denen sich Sprachen und Kulturen nicht entziehen können. Aber um das zu verstehen, muss zunächst einmal die Ambivalenz der Machtverhältnisse zugestanden werden. Bevor Herrschaft als etwas Schändliches betrachtet wird, muss man sich dieser Ambivalenz bewusst werden, die tief in der gemeinsamen Sprache verwurzelt ist. Wenn ich von Picasso sage, dass er die Malerei des 20. Jahrhunderts beherrscht hat, dann sage ich nicht, dass er seine ganze Kraft eingesetzt hat, um seine Konkurrenten zu vernichten, und dass er die gesamte künstlerische Kreativität, die ihn umgab, austrocknete. Das ist wie ein Baum, der höher wächst als die anderen. Kreativität und Kreation schaffen Herrschaft. Aber sie kann pathologische Formen annehmen, diejenigen, die wir gewöhnlich meinen, solche, die erniedrigen, unterdrücken, zerstören. Das Problem besteht darin, dass die gleichen Entitäten zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Proportionen beides gleichzeitig sein können. Das ist die Schwierigkeit. Und es ist nicht möglich, über Souveränität nachzudenken ohne diese Ambivalenz einzubeziehen.

Was Souveränität und Unabhängigkeit betrifft, so zwingt uns die Realität zur Bescheidenheit.
Nehmen wir den ausgezeichneten Leitartikel von Serge Halimi in der Oktoberausgabe von Le Monde Diplomatique mit dem Titel "Falsche Unabhängigkeit". Vor Donald Trump im Weißen Haus sehen wir da den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić und den kosovarischen Ministerpräsidenten Avdullah Hoti. Donald Trump sagt ihnen folgendes: Als kleine Europäer, die ihr der Europäischen Union beitreten wollt, werdet ihr tun, was ich sage. Entweder ihr gehorcht Washington, oder ich mache euch kaputt. Selbstverständlich fügen sie sich und verlegen sofort ihre Botschaften von Tel Aviv nach Jerusalem. Sie sind nicht die ersten, die eine solche Behandlung erfahren und auf die gleiche Art und Weise reagieren.

Es ist klar, dass schon der Begriff der Unabhängigkeit ein Mythos ist. Selbst Robinson Crusoe ist nicht unabhängig, weil er von der Natur abhängig ist. Die allgemeine Regel ist Interdependenz, aber das zu sagen bedeutet noch gar nichts. Wie François Perroux2 bemerkt und ausgeführt hat, kommt es auf die Modalitäten der Interdependenz an, und wir müssen in der Lage sein, starke Modalitäten der Interdependenz und schwache Modalitäten der Interdependenz zu definieren. In dem Moment beginnt das Thema interessant zu werden. So sind starke Modalitäten der Interdependenz solche, die einen weniger abhängig von den Partnern oder Konkurrenten machen als umgekehrt. Dieser Aspekt, der alle Bereiche, Wirtschaft, Technologie, Politik, Kultur und Militär betrifft, ist der einzige, der es ermöglicht, die Globalisierung zu verstehen und einen strategischen Ansatz zu verfolgen. Und dies gilt unabhängig vom Umfeld, ob wir in einer Welt leben, in der Multilateralismus herrscht, oder in einer Welt, in der allein das Kräfteverhältnis zählt, wie es heute der Fall ist.

Europa, das ein halbes Jahrhundert im Schatten der Vereinigten Staaten lebte, beginnt, aus einem Tagtraum zu erwachen. Es ist zum Beispiel besorgt darüber, dass alle persönlichen Daten der Welt und insbesondere Europas, die angeblich im Cloud sind, nicht wirklich in den Wolken, sondern in riesigen Pools von Computern und Festplatten gespeichert sind und der US-Regierung zur Verfügung stehen, wenn diese sie braucht. Dieses nahezu absolute Monopol auf dem Gebiet der Nachrichtendienste ist selbstverständlich problematisch, und es wurde beschlossen, eigene Fähigkeiten in diesem Bereich zu schaffen. Es ist nie zu spät, sich wieder in die Gewalt zu bekommen. Diese Sorge ist übrigens nicht ganz neu, und wenn wir ein wenig zurückgehen, erinnern wir uns an das Galileo-Programm der Satellitenfunknavigation als Ergänzung zum amerikanischen GPS-System, vor allem aber in Konkurrenz dazu, nach dem Bruch des amerikanischen Monopols, dessen vollständige Entwicklung in diesem Jahr mit äußerster Diskretion abgeschlossen wurde.

Aber die Frage, die der Frage nach den Modalitäten der Interdependenz vorgelagert ist, ist die nach dem, was zu tun ist und warum.

Ohne Antwort auf diese Frage sowohl für die Gegenwart als auch langfristig, überrascht es nicht, dass einige kleine Länder versuchen, die Brösel kleiner unwichtiger Allianzen mit den Mächtigen des Tages einzufahren.

Die Frage ist also zunächst einmal die Frage des Wollens, erst dann kommt die Sprachenfrage, wenn auch sie von wesentlicher Bedeutung ist.

Klar ist, wenn man in den Vereinigten Staaten die Zukunft der Welt und ein universelles Modell sieht, dass dann das Spiel vorbei ist. Es ist dann nur möglich, dem Imperium beizutreten und ein Teil davon zu werden. Das ist aber nicht, was die Geschichte lehrt, oder eine kritische Analyse der Welt, wie sie ist und wie sie sein wird.

Man sollte vor allem nicht denken, dass die von Donald Trump eröffnete und hoffentlich schnell abgeschlossene Periode die Ordnung der Dinge in irgendeiner Weise verändert. Trump hat eine Situation, die sich seit Jahrzehnten herausgebildet hatte, nur beschleunigt und karikiert. Heute ist die Welt, wie viele Kommentatoren festgestellt haben, ohne Führung, und die Vereinigten Staaten haben aufgehört, diese Rolle zu spielen, einfach weil sie dazu nicht mehr in der Lage sind und wahrscheinlich nie dazu in der Lage waren. Emmanuel Todd machte diese Feststellung bereits in einem 2002 veröffentlichten Essay, Après l'empire - Essai sur la décomposition du système américain3, dessen kontrapunktische Lektüre mit Zbigniew Brzezinskis Buch The Grand Chessboard4, das fünf Jahre zuvor veröffentlicht wurde, äußerst lehrreich ist.

Zwanzig Jahre sind vergangen, und was wir sehen können, ist eine beträchtliche Verlagerung der großen globalen Gleichgewichte, jenseits dessen, was vorstellbar war.

Wenn ein Land, das als einzige "Supermacht" benannt wurde, nach China der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt ist und bei weitem der größte Umweltverschmutzer pro Kopf (mehr als doppelt so viel wie China), so ist klar, dass dieses Land der Welt die größten Bedrohungen aufbürdet.

Wenn sich ein Land als einziges über vier Jahrzehnte hinweg kontinuierlich in einer Situation des Handelsdefizits befindet, ist die Verschuldung unermesslich und bringt es in die Abhängigkeit seiner Gläubiger. Bis Donald Trump China den Handelskrieg erklärte, war China der größte Gläubiger der Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten verbrauchen weit mehr, als sie produzieren. Im Jahr 2000 betrug das Handelsbilanzdefizit der USA 450 Milliarden Dollar, im Jahr 2020 wird es 3,2 Billionen Dollar betragen. Seit China aufgehört hat, seine Dollars aus seinen Handelsüberschüssen und Ersparnissen an das US-Finanzministerium zurückzugeben, ist es nun Europa, das mit den deutschen Überschüssen diese Rolle übernommen hat. Die Vereinigten Staaten leben auf Kredit, und wenn sie sich wie ein normales Land verhalten würden, wären sie nicht in der Lage, ihren Lebensstandard lange aufrechtzuerhalten.

Das ist noch nicht alles. Es ist hinreichend nachgewiesen, dass die wachsende Ungleichheit seit Jahrzehnten eine Mehrheit der Amerikaner um die Vorteile des Wachstums gebracht hat. Das amerikanische Sozialsystem ist für Krisenzeiten völlig ungeeignet und verfügt nicht über die Widerstandsfähigkeit der europäischen Systeme, die zwar der Entwicklung der durch neoliberale Ideen hervorgerufenen Ungleichheiten nicht entgangen sind, deren Auswirkungen aber zweifellos begrenzt haben. Man könnte dazu viele Merkmale der amerikanischen Gesellschaft erwähnen, die in scharfem Kontrast zu den europäischen Gesellschaften stehen (Todesstrafe, Kriminalität, Gefängnispopulation, Eugenik, übersteigerte Religiosität, unabgeschlossene militärische Abenteuer, eine Demokratie, die zur Oligarchie tendiert, usw.). Und die amerikanischen Glanzstücke (die weiten Räume, die Literatur, der Film, die Forschung, die großen Universitäten, der Glaube an die Zukunft, die Gastfreundschaft usw.) neigen dazu, Inseln zu sein, die in einem Ozean des unkontrollierten Driftens verloren gehen. Eines ist sicher: eine Kluft tut sich heute auf zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.

Wenn ein Land nicht nur als die führende politische, wirtschaftliche und militärische Macht, sondern aufgrund seiner Lebensweise und seiner Ideale von Freiheit und Demokratie als absolutes Vorbild auftritt, erzeugt dieses Bündel konvergierender Faktoren einen Traum, d.h. eine enorme kulturelle Anziehungskraft.

Heute ist jedoch der amerikanische Traum nicht nur defekt, sondern es sieht so aus, als wäre er zu einer Art Anti-Modell geworden.

Die Vereinigten Staaten werden heute von der globalen Erwärmung überwältigt und stellen eine große Gefahr für die Menschheit dar. Nachdem sie das Zentrum der Finanzkrise von 2008 waren, tragen sie die Zutaten für die nächste Krise schon in sich. Sie werden eindeutig auch von der Gesundheitskrise überrollt. Der Slogan "Make America great again" klingt heute nicht wie eine neue Bekräftigung der amerikanischen Führungsrolle (wir wagen es nicht mehr, von "Empire" zu sprechen), sondern als Zeichen der Angst davor, dass eine Seite des großen Buchs umgeblättert wird. Es wird an den Nachfolgern von Donald Trump liegen, die Konsequenzen aus einem halben Jahrhundert von Irrwegen zu ziehen: die Rückkehr zu einer gewissen Normalität.

Europa steht bei all dem sich selbst gegenüber.

Es muss zuallererst seine Zweideutigkeit überwinden, die es seiner Entstehung verdankt.

Nachdem Europa durch zwei Weltkriege niedergeschmettert in die Knie gezwungen worden war, wurde es zunächst im Schatten der Vereinigten Staaten und im Zeichen der Negation nationaler Entitäten errichtet. Trotz des nachdrücklichen Appells von General de Gaulle beharrte es in dieser Richtung, dabei unterstützt von der liberalen Ideologie, einer kaum verborgenen Formulierung eines Wunsches nach Hegemonie. Auf halbem Weg, als das Vereinigte Königreich zu den damaligen Europäischen Gemeinschaften zurückkehrte, hatten einige Regierungen, darunter auch Frankreich, die glückliche Idee einer Erklärung zur europäischen Identität, die von allen Mitgliedern, auch den neuen, dem Vereinigten Königreich und Irland, auf dem Europäischen Gipfel in Kopenhagen am 13. und 14. Dezember 1973 unterzeichnet werden sollte. Es war dies jedoch ein Nicht-Ereignis. Alle Europeisten von der Zeit bis heute hatten in sprachlicher Hinsicht nur eine Idee im Kopf: Englisch als Sprache Europas durchzusetzen.

Es ist an der Zeit, wieder die richtigen Fragen zu stellen.

Unbewusst und diskret haben die Länder Europas in den vergangenen Jahrzehnten einen absolut unerhörten Erfahrungsschatz angesammelt. Bald ein dreiviertel Jahrhundert an Erfahrung der Verhandlungen zwischen den europäischen Ländern, zunächst mit 6, dann mit 12 und schließlich mit 28 und schließlich 27 Ländern. 70 Jahre lang wurden unsere Missverständnisse oder unsere "Unkommunikationen", um Dominique Woltons glücklichen Ausdruck5 zu verwenden, reduziert, um eine gemeinsame Zukunft in einer sich schnell verändernden Welt zu erfinden, das ist keine kleine Leistung. Und die Überwindung dieser "Unkommunikation" ist nicht der englischen Sprache zu verdanken.

Sowohl durch 70 Jahre Verhandlungen zu allen Themen als auch durch die turbulente Geschichte über fast 2000 Jahre hinweg haben die europäischen Länder Erfahrungen und ein Verständnis der heutigen Welt erworben, die unvergleichlich sind.

Es ist bemerkenswert, dass der Begriff europäische Kultur sehr selten verwendet wird und dass die europäische Kultur nur sehr wenig erforscht wird. Vielleicht haben die Tatsache, sich jahrhundertelang im Zentrum der Welt zu sehen, und die, dass die europäischen Nationen gegeneinander um die Eroberung der Welt kämpften, nicht zu der notwendigen Distanzierung veranlasst.

Die Zeiten haben sich geändert, und es ist notwendig geworden, sich seiner selbst bewusst zu werden.

In einem in der Lettre de la Fondation Schuman publizierten Interview mit Jean-Claude Juncker, erklärt dieser, dass "Europa eine Weltmacht ist, die von sich selbst nichts weiß". Das stimmt, ist aber ein wenig kurz gesehen. Aber Jean-Claude Juncker sagt noch andere, genauso wichtige Dinge. Er sagt insbesondere: "Als ich im Alter von 28 Jahren als junger Arbeitsminister mein Leben in der Gemeinschaft begann, waren wir zehn Mitgliedstaaten, dann kamen die Portugiesen und die Spanier. Es herrschte eine Clubatmosphäre auf Ministerebene, wir wussten alles voneinander: Familie, Kinder, Großeltern. Nach den verschiedenen Erweiterungen löste sich das alles auf, und die Beziehungen zwischen den Regierenden wurden lockerer. Dabei ist klar: Europa besteht natürlich aus Institutionen, Ländern, Regierungen, aber eben auch aus Menschen... Dieses intime Wissen über die anderen ist verloren gegangen. Über das deutsch-französischen Poem über die Freundschaft und gezogenen Lehren hinaus, was wissen die Deutschen über die Franzosen? Was wissen die Franzosen über die Deutschen? Der einzige Deutsche, der Frankreich gut kannte, war Helmut Kohl. Er wusste alles über die IV. Republik, über Pierre Pflimlin, Edgar Faure, und den Domherrn Kir... Es mangelt an Liebe, nicht so sehr zu Europa, sondern unter uns. Es gibt viel beschreibende Romantik, wenn es darum geht, in den verschiedenen Mitgliedstaaten übereinander zu sprechen. Man erweckt gern den Eindruck, es handele sich um ein zusammenhängendes Ganzes, das auf der Grundlage gemeinsamer Regeln, Insbesondere der Regel des Rechts, errichtet wurde; aber die Kenntnisse, dir wir voneinander haben, sind unterentwickelt. Was ich mangelnde Liebe nenne, ist mangelndes Interesse. Von einem bestimmten Punkt an erweckte Europa den Eindruck, es funktioniere, was dazu führte, dass die Völker Europas das Interesse aneinander verloren haben. Wie kann man also erwarten, dass das Misstrauen, das die Bürgerinnen und Bürger gegenüber ihren nationalen Regierungen hegen, diese wachsende Kluft zwischen Regierenden und Regierten, die in jedem Mitgliedstaat spürbar und beobachtbar ist, auf der Ebene Europas nicht existiert und nicht wächst!"

Sehr merkwürdig ist, dass solche Gedanken daran anknüpfen, was zu Beginn des letzten Jahrhunderts geschrieben werden konnte. So schrieb André Suarès 19326 in einem bemerkenswerten und beachteten Essay über Goethe:

"Das echte Europa ist ein Akkord, nicht der Einklang. Goethe gilt für alle Spielarten und alle Unterschiede: Der Geist, der die Natur interpretiert, kann sich keine andere Regel oder ein anderes Urteil geben. Es gibt Europa nur in einer Harmonie, die opulent genug ist, um Dissonanzen einzuschließen und aufzulösen. Aber der Akkord eines einzigen Tones, auch wenn er unendlich viele Oktaven umfasst, hat keinen harmonischen Sinn. Um ein Europa zu schaffen, braucht man ein Frankreich, ein Deutschland, ein England, ein Spanien, ein Irland, eine Schweiz, ein Italien und den Rest."

"In Goethe ist Europa die Mutter unzähliger Söhne; durch die Stimme des Dichters fordert es sie auf, sich zu erkennen. Goethe öffnet ihnen die Augen; mögen sie endlich einwilligen, aufeinander aufmerksam zu werden; mögen sie sich schämen, wenn sie einander beschimpfen und hassen. Goethe, ein mächtiger Deutscher, will weder, dass Europa deutsch ist, noch, dass Frankreich oder China deutsch werden. Damit Europa wirklich es selbst sein kann, muss Deutschland das deutscheste und Frankreich das französischste sein, das es sein kann: abgesehen vom Bösen hier und da, abgesehen von der Verachtung, der Gewalt und dem Hass."

In einer Studie über Nietzsches europäisches Ideal schreibt François Rigaux7:

"In einer Zeit bereits virulenter Nationalismen, die sich während der beiden Weltkriege noch verschärfen werden, verwirft Nietzsche, was er für einen gefährlichen Wahn hält, ‘die der Kultur feindlichste Krankheit, diese nationale Neurose, an der Europa erkrankt ist’ (16). Sein Ideal ist eher europäisch als international. Es gibt viele Stellen in seinem Werk, in denen er sich selbst als Europäer proklamiert, in denen er die Völker Europas aufruft, sich gegenseitig anzuerkennen: ‘Sie werden sofort eine Macht in Europa und glücklicherweise eine Macht zwischen den Völkern bilden! Zwischen den Klassen! Zwischen Arm und Reich! Zwischen Herrschern und Beherrschten! Zwischen den Ruhigsten und den Aufgeregtesten’ (17). Nietzsche fordert daher nicht einen Staatenbund, sondern eine Koalition der Individuen."

Diese Zitate haben einen sehr zeitgemäßen Hauch, der die Europäer nun wieder inspirieren sollte.

Die Gründerväter der Europäischen Union und alle ihre Nachfolger haben sich auf ihre Weise für die Wiedergeburt der europäischen Länder in einem durch die Verschärfung des Nationalismus und die daraus folgenden Kriege zerstörten und erschöpften Europa eingesetzt.

Heute ist es, auch wenn es paradox erscheinen mag, die Rehabilitierung und Bekräftigung der Beständigkeit der Nationen, auf die wir hinarbeiten müssen. Im Gegensatz zu dem, was uns jahrzehntelang von einer liberalen Ideologie, die nicht besonders liberal war, eingetrichtert wurde, transzendiert der Markt die Länder nicht. Der Markt bildet sich zwischen den Nationen. Der Nationalismus ist zwar wirklich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, aber die Nationen hat es schon immer gegeben, und der Begriff selbst existiert seit der frühesten Antike, auch wenn seine Konturen manchmal nicht präzise waren. 1744 veröffentlichte der Philosoph Giambatista Vico sein Hauptwerk Principes d’une science nouvelle relative à la nature commune des nations (Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Nationen), in dem er zeigte, dass Wissenschaft nicht nur physikalisch und mathematisch sein kann, sondern sich auch mit menschlichen Gesellschaften befassen muss. Die Nationen Europas haben im Laufe ihrer Geschichte so viele Erfahrungen gesammelt und so viel voneinander gelernt, dass es eine absolute Selbstverständlichkeit ist, dass Europa nur auf den Nationen selbst aufgebaut werden kann. Im übrigen ist Europa kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis der Fähigkeit und des Bedürfnisses der europäischen Nationen, über ihre Zukunft und die Zukunft der Welt nachzudenken. Mit anderen Worten: Europa ist nicht die Überwindung der Nationen unter der Wirkung einer ihm äußerlichen Kraft, sondern das Ergebnis der Bemühungen der europäischen Nationen, sich selbst zu überwinden.

Europa ist in der Tat eine Union von Nationalstaaten, die souverän beschließen, gemeinsam zu handeln, weil es ihr Schicksal und ihre große Weisheit ist, dies zu tun. Und die Zeiten, in denen wir leben, zwingen die europäischen Länder sich und Europa neu zu denken. Niemand kann sich dieser Notwendigkeit entziehen, und die Dinge können sehr schnell vorankommen, wie die großen Fortschritte der letzten Monate zeigen. Europa, die Nationen Europas können nur vorwärts schreiten oder auseinander fallen.

Bei jeglichem Nachdenken über Europa ist die Sprachenfrage unausweichlich. Sprache und Sprachen gehören zu den wertvollsten Gütern der Völker. Denn, wie der Philosoph Michel Serres einige Zeit vor seinem Tod erinnerte: "Ein Land, das seine Sprache verliert, verliert seine Kultur; ein Land, das seine Kultur verliert, verliert seine Identität; ein Land, das seine Identität verliert, existiert nicht mehr. Es ist die größte Katastrophe, die ihm geschehen kann".8

Sprachliche Entwicklungen sind langfristige Entwicklungen, so wie die Kontinentalverschiebung, manchmal mit Erschütterungen, die niemand vorhergesehen hat. Wir wissen sehr gut, dass der Brexit die sprachliche Situation nicht grundlegend verändern wird. Und das hat keine Bedeutung. Englisch wird unter den internationalen Sprachen in den Augen der Menschen die am häufigsten verwendete Sprache im Austausch bleiben, aber da es nicht allein ist, ist es nicht das Thema. Andererseits sind auf europäischer Ebene, institutionell gesehen, die einzigen Sprachen, die die Bürgerinnen und Bürger ansprechen, die Nationalsprachen. Und diese müssen nicht nur der Bezugspunkt bleiben, sondern müssen in ihre Rechte zurückgeführt werden, Rechte, die in den letzten zwanzig Jahren weitgehend mit Füßen getreten wurden.

Wir sind hier auf dem Gebiet der souveränen Entscheidungen.

Wir müssen die Sprache der einen und der anderen lernen. Das war der Wunsch, der in der Europäischen Kulturkonvention von 1953 zum Ausdruck kam, die so schlecht umgesetzt worden war.

Die europäische Symbolik muss wieder deutlich werden und die kulturelle und sprachliche Vielfalt respektieren, die in den Verträgen zu einem Grundprinzip gemacht wurde, die aber durch die institutionelle Praxis zu sehr im Widerspruch steht, um glaubwürdig zu sein.

In diesem Bereich muss noch viel getan werden. Es handelt sich um ein Großbaustelle, die eröffnet werden muss, die vielleicht nicht so ausgeprägt ist wie die Wirtschaftsfragen, die aber nicht mehr hinausgeschoben werden kann.

1Méthodes et pratiques des langues africaines : identification, analyses et perspectives, Julia Ndibnu Messina Ethe et Pierre Frath, Collection Plurilinguisme, OEP 2019

2« Indépendance » de la nation, « Indépendance » de l’économie nationale et interdépendance des nations, François Perroux, Aubier Montaigne, 1969.

3Après l’empire – Essai sur la décomposition du système américain, Emmanuel Todd, Gallimard, 2002.

4The Grand Chessboard, Zbigniew Brzezinski, BasicBooks, trad. Le Grand échiquier, Bayard Editions, Pluriel, 1997.

5Vive l’incommunication, La victoire de l’Europe, Dominique Wolton, Editions François Bourin, 2020.

6Goethe le grand européen, André Suarès, éditions Emile-Paul Frères, 1932.

7« L'idéal européen de Nietzsche », dans AFRI, Volume XI, 2010, Centre Thucydide, Université Paris II-Assas, p. 55-67.

8Michel Serres - Défense et illustration de la langue française aujourd'hui, Le Pommier, 2018, p. 55.